Vor 110 Jahren: William Vanderbilt auf Mercedes 90 PS Rennwagen schnellster Mensch in einem Landfahrzeug

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Rekorde beim Meeting in Ormond Daytona Beach, Florida/USA, 27. bis 30. Januar 1904. Startszene, der spätere Sieger William K. Vanderbilt jr. (Startnummer 1) am Steuer eines Mercedes 90 PS Rennwagens. Foto: Daimler/ dpp-AutoReporter

Die Rennwoche von Ormond-Daytona 1904 steht im Zeichen der Rekordfahrten von William K. Vanderbilt jr. auf Mercedes 90 PS Rennwagen. Der New Yorker Millionär dominiert vor 110 Jahren den 1903 gegründeten „Florida Speed Carnival", dessen Rennen und Rekordfahrten auf einem ebenen Sandstrand ausgetragen werden. Insgesamt gewinnt Vanderbilt im Januar 1904 sechs Rennen und stellt sieben Geschwindigkeitsrekorde auf. Noch im selben Jahr stiftet er den Vanderbilt Cup, den ersten wichtigen Preis im US-amerikanischen Rennsport.

Es ist noch früh am Morgen des 27. Januar 1904, als ein Mercedes 90 PS Rennwagen über den ebenen Sandstrand von Ormond-Daytona in Florida rast. William Kissam Vanderbilt jr. (1878 bis 1944), den die Medien liebevoll „Willie K." nennen, ist nach wenigen Probeläufen zu einer Rekordfahrt gestartet. Der Millionär aus New York, Sohn des Eisenbahnbarons William K. Vanderbilt, hat ein gutes Gefühl am Steuer seines von der deutschen Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG) gelieferten Rennwagens. Die Zuversicht des Rennfahrers wird zur Gewissheit, als die Stoppuhren der acht Zeitnehmer klicken: 39 Sekunden für die fliegende Meile lautet das offizielle Ergebnis - das entspricht 92,3 Meilen pro Stunde (148,54 km/h) und markiert damit den absoluten Weltrekord für Landfahrzeuge.

„Wirklich, ich habe mich selbst überrascht", sagt der Rennfahrer mit angelsächsischer Zurückhaltung, als er aus seinem Mercedes steigt („Really, I did surprise myself"). So jedenfalls berichtet es die Automobiljournalistin und -Historikerin Beverly Rae Kimes 1987 in einem Beitrag für das Kompendium „American Heritage". Noch weiß der jüngere William K. Vanderbilt zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht, dass der amerikanische Rekord beim europäischen Rennsport-Establishment auf wenig Gegenliebe stoßen wird. Tatsächlich lehnt später im Jahr die gerade neu gegründete Association Internationale des Automobile Clubs Reconnus (AIACR) die offizielle Anerkennung des Rekords ab.

Den Ruhm, zum ersten Mal auf amerikanischem Boden einen absoluten Weltrekord für Landfahrzeuge aufgestellt zu haben, kann aber auch die AIACR dem damals 25 Jahre alten Rennfahrer nicht nehmen. An der Leistung seines Mercedes 90 PS Rennwagen und seines Fahrers gibt es sowieso keinen Zweifel.

Die Verbindung zwischen Vanderbilt und der DMG reicht bis in die Anfänge der Marke Mercedes zurück. Bereits im Jahr 1900 kauft er einen Daimler 23 PS Phönix-Rennwagen und fährt damit Rekorde in den USA. Sogar mit der Eisenbahn, immerhin Quelle des Familienvermögens, liefert er sich ein Rennen. 1902 kauft der amerikanische Millionär dann einen Mercedes-Simplex 40 PS mit Rennkarosserie, reist damit unter anderem auf eigener Achse von Paris nach Nizza und stellt im Mai 1902 einen Weltrekord über den Kilometer mit fliegendem Start mit 111,8 km/h auf.

Vom Rennfahrer zum Mäzen
Vanderbilt ist ein begeisterter Rennfahrer. Aber als Sohn einer der einflussreichsten Industriellenfamilien des Landes weiß er auch um die Rolle, die der Motorsport für den Aufbau einer eigenen Automobilindustrie in den Vereinigten Staaten haben könnte. So stiftet er 1904 den Vanderbilt Cup, den ersten wichtigen Preis im US-amerikanischen Motorsport. Das erste Rennen um diesen Preis wird im Oktober 1904 auf Long Island gehalten. Die ersten drei Rennen gewinnen noch europäische Fabrikate, 1908 fährt der Sieger erstmals auf einem in Amerika gebauten Rennwagen der Marke Locomobile durchs Ziel. Der Vanderbilt Cup des Jahres 1912 schließlich geht an Ralph DePalma auf Mercedes 37/90 PS Rennwagen. Damit schließt sich ein Kreis, der früh an einem Januarmorgen am Strand zwischen Daytona und Ormond begonnen hat. (dpp-AutoReporter)