TÜV: Starke Abneigung gegen automatisiertes Fahren

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Theoretiker preisen das synthetisch-autonome Fahren - die wenigsten Kunden wollen sich der teuren, freudlosen Technik ausliefern. Foto: Ford/dpp-AutoReporter

Die Automobilhersteller arbeiten verrückt am vollautomatisierten Fahrzeug. Das autonome Fahren soll in Zukunft theoretisch Unfälle vermeiden und den Energieaufwand reduzieren. Wann es kommt, darüber sind sich Experten noch uneins. Zumal dazu gesetzliche Rahmenbedingungen angepasst werden müssten. Und dann wäre da noch die Abneigung oder Akzeptanz bei den Autofahrern. Wer will sich schon ohne Not irgendwelchen Schaltkreisen ausliefern?

Wie brisant das Thema derzeit ist zeigen die jüngsten Medienberichte. So wurde erst kürzlich der US-amerikanische Autobauer Tesla im Fall eines tödlichen Unfalls mit einem autopilotierten Wagen in den USA industriefreundlich freigesprochen. Daimler-Chef Dieter Zetsche fordert die Politik auf, zügig Gesetze für selbstfahrende Autos auf den Weg zu bringen. In den Premiumprodukten der Autohersteller sind automatisierte Systeme bereits verbaut. Das reicht vom Spurhalteassistenten mit Bremsfunktion, über den Einparkautomaten, bis hin zu automatisierten Fahrfunktionen, bei denen der Fahrer die Hände vom Steuer nehmen kann.

Laut einer Goodyear-Studie ‚ThinkGoodMobility‘ der britischen Wirtschaftsschule LSE stehen Europäer und speziell Deutsche dem automatisierten Fahren skeptisch gegenüber. Der Unwillen, die Gewalt einem Automaten zu überlassen, ist recht groß. Fahrspaß würde auf der Strecke bleiben. Die Mehrheit will die Kontrolle über das Auto behalten. Bei der Akzeptanz haben die Autobauer zu Recht ein gewaltiges Stück an Aufklärungsarbeit vor sich - oder müssen die offenbar ohne Kundenwunsch ingenieurgläubig selbst erfundenen Ziele grundlegend überdenken.

Verkehrsexperte Achmed Leser vom TÜV Thüringen sieht neben dem Akzeptanzproblem die größte Hürde in den gesetzlichen Rahmenbedingungen: „Die Wiener Straßenverkehrskonvention regelt bisher Folgendes: Jeder Fahrzeugführer muss unter allen Umständen sein Fahrzeug beherrschen, um den Sorgfaltspflichten genügen zu können und um ständig in der Lage zu sein, alle ihm obliegenden Fahrbewegungen auszuführen."

Dies steht momentan jedoch in Konflikt zum automatisierten Fahren. Auch das Straßenverkehrsgesetz (StVG) und die Straßenverkehrsordnung (StVO) müssten nach Ansicht von Experten geändert werden, um den Weg für das ungeliebte automatisierte Fahren zu ebnen. „Ein aktueller Gesetzesentwurf sieht vor, das Straßenverkehrsgesetz dahingehend zu ergänzen, dass Kraftfahrzeuge mit weiterentwickelten automatisierten Systemen, also hoch- oder vollautomatisierte Fahrzeugsysteme, im Verkehr auf öffentlichen Straßen eingesetzt und genutzt werden können. Der Fahrzeugführer soll dann in bestimmten Situationen dem technischen System die Fahrzeugsteuerung übergeben können", erklärt Achmed Leser.

Verkehrsexperten und Unfallforscher laben sich an Schätzungen zu automatisierten Systemen, die angeblich ein Unfallvermeidungspotential von vier Prozent böten. 2015 ereigneten sich 2,5 Millionen Verkehrsunfälle in Deutschland, bei denen 3500 Menschen zu Tode kamen - so wenige wie noch nie. Nach ‚Einschätzungen‘ des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) könnten durch automatisierte Abstandsregler vielleicht 17 Prozent der schwerwiegenden Unfälle und durch den Einsatz von Notbremsassistenten möglicherweise 28 Prozent der Auffahrunfälle vermieden werden. Theoretisch errechnete Fiktionen, die noch zu beweisen wären. (dpp-AutoReporter/wpr)