Der Tod kommt mit Musikbegleitung

7. Feb 2010 - Auto-Reporter.NET

Auch das Ampelgrün kann zum Verhängnis werden ... Foto: Pixelio/auto-reporter.net
 

Die Fußgängerampel sprang auf Grün – doch keiner ging los, denn das herannahende Martinshorn war unüberhörbar. Nur eine junge Frau in der zweiten Reihe schien das nicht zu beeindrucken. Entschlossen zwängte sie sich an den Verharrenden vorbei und schritt, den Blick fest aufs grüne Ampelmännchen gerichtet, forsch auf die Straße. Die Kollision mit dem heranrasenden Notarztwagen schleuderte sie zu Boden, ließ ihren Kopf hart auf dem Bordstein aufschlagen, und frisches Blut umspülte einen herausgefallenen weißen Ohrstöpsel, aus dem rhythmische Musik drang, als sie Sekunden später zu atmen aufhörte.

Zwei Stöpsel im Ohr und Musik auf dem Trommelfell – wundern Sie sich nicht auch, dass Fußgänger immer öfter überhaupt nicht reagieren, wenn man sie anspricht? Und sie tun das nicht etwa, weil sie unhöflich sind, sondern einfach, weil sie gar nicht hören, dass man sie anspricht. Denn sie hören etwas anderes – in aller Regel Musik von einem MP3-Player, hin und wieder auch Radio und manchmal sogar ein spannendes Hörbuch. All das zu jeder Zeit an jedem Ort genießen zu dürfen, das ist schon eine großartige technische Errungenschaft.

Doch die Chance zu unbeschwertem Musikgenuss zu jeder Zeit hat wie alles auf dieser Welt eine Kehrseite. Dann nämlich, wenn dadurch unser Gehör für all das blockiert wird, was zum Beispiel im dichten Straßenverkehr unserer Orientierung dient, sobald wir uns bewegen. Denn die zahllosen Geräusche aus der Umgebung, seien es Schritte, Zurufe, Motorengeräusche, Ansagen oder Warnsignale sind wichtige Wegweiser, die uns leiten und warnen. Alle diese Kommunikation quasi „wegzustöpseln“ und damit zu blockieren, ist geradezu unverantwortlich.

Niemand würde auf die Idee kommen, sich beim Laufen auf der Straße eine Brille mit zwei Displays aufzusetzen, auf denen die Augen permanent auf ein spannendes Videoprogramm blicken. Doch viele haben offenbar keine Bedenken, sich, wo immer sie unterwegs sind, die Ohren mit Musik vollzudröhnen. Sehen und Hören, das sind elementare Sinne, die unverzichtbar sind, wenn wir uns in unserer Umwelt bewegen. Wer die hier überall lauernden Gefahren erkennen will, muss, wie es so schön und zugleich so elementar richtig heißt, „Augen und Ohren offenhalten“.

Und das nicht etwa, weil es durch irgendwelche letztlich unpraktikablen Regelungen oder Gesetze wie zum Beispiel ein nie durchsetzbares Handyverbot am Steuer vorgeschrieben ist. Wer ein Handy auch nur ergreift, um die Uhrzeit abzulesen, wird bestraft – wer nach der Bedienung oder den Tasten für ein Navi greift, nicht. Derartiger Unsinn, auch wenn er sich Gesetz nennt, kann das Problem schwerlich lösen.

Die Evolution hat uns so viel Hirn gegeben, dass wir nicht wie die Tiere instinktgesteuert durch die Welt laufen müssen. Wir haben die Fähigkeit, uns unseres Handelns bewusst zu werden, wir haben die Chance zu wissen, was wir tun – wir sollten sie nutzen. Wer mit freiwillig blockiertem Gehör im dichten Verkehr unterwegs ist, ob als Autofahrer, als Radfahrer oder auch als Fußgänger, der hat, um es im Stil unseres reichen Sprichwortschatzes auszudrücken, schlicht nicht alle Sinne beisammen und jederzeit die Chance, zum unfreiwilligen Selbstmörder zu werden. Keine verlockende Aussicht – auch wenn der Tod dann mit Musikbegleitung kommt. (Ingo von Dahlern/UnfallZeitung/auto-reporter.net)
(Entnommen aus der "UnfallZeitung")

 
 
 

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